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Sonntag, 21. Oktober 2018

Graciano Rocchigiani ist tot!

Veröffentlicht : 04.10.2018 13:12:55
Kategorien : Profiboxer

Graciano Rocchigiani ist tot!

Das deutsche Boxen trauert um einen ihrer Größten: Graciano „Rocky“ Rocchigiani ist am Montagabend an den Folgen eines tragischen Autounfalls in Sizilien im Alter von nur 54 Jahren verstorben. Er hinterlässt seine Eltern Renate und Zanubio, seinen Bruder Ralf, seine erwachsene Tochter Janine sowie seine Lebensgefährtin Santina und zwei kleine Kinder (3 und 2).

Graciano Rocchigiani gehört zu den wohl besten Boxern, die Deutschland je hervorgebracht hat. Am 11. März 1988 gewann er den vakanten IBF-WM-Titel im Supermittelgewicht mit einem TKO-Sieg über Vincent Boulware und wurde so nach Max Schmeling und Eckhart Dagge erst der dritte deutsche Profiboxweltmeister. Er verteidigte den Gürtel dreimal, bevor er ihn ungeschlagen niederlegte um ins Halbschwergewicht aufzusteigen.

In der neuen Klasse wurde „Rocky“ prompt Europameister, bevor er sich bei seiner ersten WM-Chance dem Briten Chris Eubank im Jahr 1994 knapp nach Punkten geschlagen geben musste. Es war im 36. Kampf die erste Niederlage für den Mann aus Duisburg. Doch Rocchigiani wäre nicht „Rocky“ gewesen, wenn er sich von dieser Pleite nicht schnell erholt hätte - und so folgten 1995 die zwei legendären Kämpfe gegen den Box-Gentleman Henry Maske. Graciano musste sich beide Male nach Punkten geschlagen geben, doch gerade das Urteil im ersten Duell gilt bis heute als sehr umstritten.

Nur wenige Monate nach dem Maske-Rückkampf standen sich auf St. Pauli Rocchigiani und WBO-Champion Dariusz Michalczewski im Ring gegenüber. Der Kampf sollte in einem Skandal enden: Am Ende der siebten Runde schlug „Rocky“ den „Tiger“ KO - doch der finale Schlag erfolgte nach dem Runden-Gong. Michalczewski, nach Punkten zurückliegend, wälzte sich auf dem Ringboden und konnte nicht mehr weiterkämpfen. Der anfänglichen Freude Rocchigianis folgte schnell die Ernüchterung: der Kampf wurde als technisches Unentschieden gewertet - und dann wurde das Urteil kurze Zeit später auch noch in einen Sieg durch Disqualifikation für Michalczewski geändert.

Zwei Jahre nach diesem bitteren Abend folgte der vielleicht größte Erfolg in der Box-Karriere des Graciano Rocchigiani: am 21. März 1998 besiegte er in Berlin den US-Amerikaner Michael Nunn nach Punkten und krönte sich so zum WBC-Champion im Halbschwergewicht. Doch der Verband erkannte „Rocky“ den Titel kurzerhand wieder ab, da Roy Jones Jr., der vorherige Weltmeister, seine Schwergewichts-Ambitionen ad acta legte und wieder ins Halbschwergewicht zurückkehrte. Ein angeordneter Kampf zwischen den Legenden Jones und Rocchigiani kam nie zu Stande.

Die unfaire Behandlung seitens des Verbandes wollte sich „Grazze“ nicht gefallen lassen - und so verklagte er den großen WBC auf Entschädigung. Mit Erfolg: im April 2003 verhängte ein New Yorker Gericht eine Geldstrafe von 31 Millionen US-Dollar gegen den Weltverband, der daraufhin Insolvenz anmeldete. Von dem Geld, so Rocchigiani später, habe er nur einen Bruchteil zu Gesicht bekommen. Der moralische Erfolg sei aber ohnehin der Bedeutendere gewesen.

Im Jahr 2000 verlor „Rocky“, damals nicht mehr auf der Höhe seines boxerischen Schaffens, einen Rückkampf gegen Michalczewski durch Aufgabe in der neunten Runde. Nach einer Punktniederlage gegen den aufstrebenden Thomas Ulrich beendete er 2003 schließlich mit einem Kampfrekord von 41 Siegen mit 19 KOs bei sechs Niederlagen und einem Unentschieden seine einzigartige Profikarriere.

Dem Boxen blieb Rocchigiani aber auch im Anschluss an seine aktive Laufbahn und bis zu seinem tragischen Tode treu. Ob als Trainer oder TV-Experte, wie zuletzt bei SPORT1. „Rocky“ ist „seinem“ Sport erhalten geblieben. Und auch wenn er in seinem Leben den ein oder anderen Skandal verursacht hat, so überweilen doch die positiven Seiten einer wahren Sport-Legende: sein Kämpferherz, seine Ehrlichkeit, die Tatsache, dass er sich nie den Mund verbieten ließ und immer zu seiner Meinung stand.

Mit Graciano Rocchigiani verliert die Box-Welt nicht nur einer ihrer großen Champions, sondern auch einen ganz besonderen Menschen, einen „Typen“ wie er im Buche stand. Das gesamte Team von Paffen Sport spricht der Familie und den Freunden von „Rocky“ aufrichtiges Beileid aus und wünscht allen Angehörigen viel Kraft in dieser schwierigen Zeit.

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